Das Programm 2015:

Von mir haste's net

 

Ein heiterer und ernster „Mikrokosmos“

Kabarettgruppe des HMV greift in ihrem Programm „Von mir haste's net“ auch die Flüchtlingsthematik auf

 Die Tücken und Widersprüche des Alltags. An 364 Tagen verursachen sie Kopfschütteln, Verdruss und Ärger. Doch an einem Tag im Jahr sorgen sie für befreites Lachen. Dann nämlich, wenn die Kabarettgruppe „Mikrokosmos“  sie zunächst zu Papier und dann auf die Bühne bringt. „Von mir haste's net“ titelt die neue Produktion, die im evangelischen Gemeindehaus Hochstadt mit Lachsalven und Applaus goutiert wurde. Nur einmal blieb einem das Lachen glatt im Halse stecken. Doch selbst dafür kann man nur sagen: Chapeau!

 Menschlichen Schwächen und den Stolperfallen des Alltags mit einem Lächeln begegnen. Dieses Ansinnen verfolgt die Kabarettgruppe seit ihrer Gründung vor gut zehn Jahren. Doch manchmal ist eine solche Reaktion unangemessen. Dann nämlich, wenn es um menschliche Schicksale geht. Wenn sich abertausende Menschen auf der Flucht befinden und auch in Deutschland Schutz vor Verfolgung und Krieg suchen, dann lässt sich darüber nicht lachen. Flüchtlinge sind kein Thema fürs Kabarett. Oder doch? Den Kosmonauten gelang es, dieses politisch und gesellschaftlich brisante Thema adäquat auf die Bühne zu bringen.

  Es war Brigitte Rosanowitsch-Galinski, die die gegenwärtige Entwicklung kritisch betrachtete und dabei intensiv die zwei Gesichter, die Deutschland der Welt durch sein politisches und gesellschaftliches Handeln zeigt, beleuchtete. Das Stück war passend unmittelbar vor der Pause und im Anschluss an eine Nummer über das Ehrenamt angesiedelt. Denn ein Ehrenamt dient nicht nur einem guten Zweck, sondern stillt zuweilen auch die Profilierungssucht Einzelner, die sich mit ihrem vermeintlich uneigennützigen Engagement in den Vordergrund rücken, während andere still und leise die eigentliche Arbeiten verrichten.

  Es sollte nicht das einzige Stück bleiben, das sowohl zum Lachen als auch zum Nachdenken anregte. Vor allem bei den politischen Themen richteten die Darsteller den Blick auf die Kehrseiten von Beschlüssen und Strategien, die in den Alltagsdebatten nicht oder nur selten betrachtet werden. Gerade hierin lag und liegt die Herausforderung für das Ensemble: Politisch zu sein und damit auch jene Zuschauer zu erreichen, die sich nur beiläufig für die Maintaler Kommunalpolitik interessieren. Dennoch dürften einzelne Stücke, die etwa den Ausschluss der Öffentlichkeit bei Beschlussfassungen in den politischen Gremien oder die Maintaler Stadtentwicklung und -politik thematisierten, für manchen schwere Kost gewesen sein.

 Weil es den „Kosmonauten“ aber stets gelingt, das Gleichgewicht zwischen den alltäglichen Begebenheiten, den zwischenmenschlichen Fallstricken, dem bürokratischen Wahnsinn und den politischen Widersinnigkeiten bei der Zusammenstellung des Programms zu wahren, ist für jeden etwas dabei. Ganz unabhängig von Alter, Interessenlage oder politischer Orientierung können die Zuschauer nur zustimmend nicken, wenn der Bürokratiewahnsinn bei der „Erbarmer“-Krankenkasse zuschlägt und deren Mitarbeiter (Frank Walzer) dem fußkranken Mitglied (Brigitte Rosanowitsch-Galinski) lieber eine Pflegestufe zuteilt, für Essen auf Rädern und den Bezug der Sozialhilfe sorgt, anstatt die Kosten für Einlagen zu übernehmen. Oder wenn „Märchentante“ Nina Walzer-Stein die griechische Version des Suppenkaspers vorträgt. Oder Stefan Lohr als Autofahrer an der Maintaler Verkehrssituation schier verzweifelt.

 „Von mir haste's net“ besitzt jede Menge Lokalkolorit und Aktualität. Da zieht die neu gewählte Bürgermeisterin (Brigitte Rosanowitsch-Galinksi) ins Rathaus ein und fordert von den Mitarbeitern (Gisela Jeske) fast Verlerntes wie Transparenz und Eigenverantwortung, da plaudern die Fußballfans (Stefan Lohr und Frank Walzer) über die gekaufte Weltmeisterschaft im eigenen Land, da prosperiert im Streikrekordjahr die Streiküberbrückungsagentur von Kim Fröhlich (Anika Waider) und torpediert das Unterbewusstsein (Wolf Heiser) den Vortrag einer Politikerin (Isabella Isabella) über Klimaziele und den Bau neuer Windräder.

 Zu den stärksten Stücken des Abends zählten das gerappte Speed-Dating von Vollweib Jaqueline (Pia Jost) im schillernden Outfit und dem nickelbebrillten Milchbubi Tim (Colin Stein) sowie der Kurs „Listen and Repeat. Horch und Babbel“ mit einer unterhaltsamen Einführung in die Hochstädter Mundart mit ihren feinen Nuancen. Dabei lautet der wichtigste Merksatz für alle Eingeplackten: Ein Hochstädter Satz besteht höchstens aus zwei Worten, aber auf die Intonation kommt es an.

 Auf der Bühne waren in diesem Jahr zu erleben: Stefan Lohr, Gisela Jeske, Brigitte Rosanowitsch-Galinski, Isabella Isabella, Anika Waider, Colin Stein, Wolf Heiser, Katja Welsch, Pia Jost, Helmut Roog, Frank Walzer, Angela Cercas und Nina Walzer-Stein. Ihre „Mikrokosmos“-Premiere feierte Simone Wilhelm, die einen überzeugenden Auftritt ablieferte. Bei Technik, Texten, Texthängern und Requisite halfen Klaus Klee, Lisa Paret, Martin Walzer, Stephie Melzer, Axel Grebhardt, Markus Koch, Carlos Fischer, Kevin Klyn.

 Text: Martina Faust (Maintal Tagesanzeiger) +++ Fotos: Kalle Meyer