Das Programm 2013:

Mir saacht ja kaaner was!

 

Wo Salzstangen ein Vermögen darstellen

Publikum hat sichtlich Spaß und Geschmack an der Premiere des neuen „Mikrokosmos“-Kabarettprogramms

Von wegen „Mir saacht ja kaaner was“! Der Termin des Kartenvorverkaufs für das neue Kabarettprogramm der Gruppe „Mikrokosmos“ hatte sich so schnell herumgesprochen, dass alle Veranstaltungen binnen weniger Minuten ausverkauft waren. Und auch in den Stücken selbst haben die Kosmonauten aus den Reihen des Humor-Musik-Vereins „Edelweiß“ ihrem Publikum eine Menge zu sagen, finden deutliche Antworten und humorvolle Lösungsansätze für bislang ungeklärte Fragen und Probleme auf globaler, lokaler und zwischenmenschlicher Ebene. Premiere war am Freitag im evangelischen Gemeindehaus Hochstadt.
Da ging es um das politische Gewicht von Angela Merkels Halskette, um friedliche Konfliktlösungen mit Waffengewalt, eine veterinärmedizinische Alternative für die hausärztliche Versorgung in Wachenbuchen, aber ebenso um das einsame Schicksal der Nähfrauen, tierische Wiedergeburten oder Beziehungsdramen im Mammutbaum. Kurzum, der Mikrokosmos „Alltag“ hatte sich für die Hochstädter Kabarettisten wieder als reicher Fundus erwiesen.
Dabei zeigten die Stücke nicht selten, dass die satirische Überspitzung der Realität gar nicht so fern ist. So erntete die parlamentarische Debatte über die freie Hasenjagd auf dem neuen Friedhof in Dörnigheim lautstarkes Gelächter und begeisterten Applaus. Kein Wunder, schließlich gewann ein banales Thema durch die ernsthaft und engagiert geführte Aussprache der Parteienvertreter plötzlich weltpolitische Dimension. Schließlich musste wegen erheblichen Klärungsbedarfs eine Arbeitsgruppe eingerichtet und der Tagesordnungspunkt zurückgestellt werden. Eine Parodie mit äußerst realen Zügen – wie viele der insgesamt 40 Stücke, die allesamt aus der Feder der Kosmonauten selbst stammen.
Dass sich der Mensch tendenziell bereitwilliger mit oberflächlichen statt komplexen Themen beschäftigt, ist bekannt und zuweilen auch verständlich. Oder etwa doch nicht? Zumindest nicht dann, wenn Frank Walzer den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung am Beispiel der Verteilung von Salzstangen und Sekt an die Zuschauer erläutert. Dann wird das Thema in jeder Hinsicht leichter verdaulich – ebenso wie für manche Wachenbucher die „bittere Pille“, dass es im kleinsten Stadtteil weder Hausarzt noch Apotheke gibt, wenn die Kosmonauten ihre Alternativen präsentieren. Da wären die Anleitung für ein langes Leben, die Brigitte Rosanowitsch-Galinski für die ländliche Bevölkerung erarbeitet hatte, weil sich dort kein Arzt und kein Apotheker niederlassen oder die mobile Überlandpraxis der Veterinärärztin Dr. Petra Zipperlein (Pia Jost) und ihrer Assistentin (Katja Welsch), die je nach Kasse ihre Patienten im Zelt oder Wohnmobil behandeln.
Auch sonst bietet das neue Programm viele Anregungen, wie sich der Alltag heiter und zufrieden meistern lässt. Da wird die Streupflicht der Hauseigentümer nach städtischem Vorbild mit Hinweis auf den eingeschränkten Winterdienst vor der heimischen Haustür einfach ausgesetzt und mit ein bisschen Formulierungsgeschick findet sich spielend leicht der Partner fürs Leben – zumindest, wenn Isabella Isabella die elektronische Liebesnachricht an einen US-amerikanischen Geheimdienstler mit den richtigen Schlüsselwörtern zu spicken weiß.
Umfassend hatten die Kosmonauten auch diesmal wieder recherchiert und sich dabei mit den großen und kleinen Maintaler Themen befasst. So tauschen sich die Schauspieler darüber aus, dass der Bürgerhaushalt die Chance eröffnet, darüber zu entscheiden, wie das städtische Defizit ausgegeben werden soll oder thematisieren die Schwierigkeit, Ausrichter für die Hochstädter Kerb zu finden. Es wird über Möglichkeiten sinniert, wie der Einsatz von Ehrenamtlichen am Freiwilligentag zusätzliche Gelder in die Stadtkasse spülen könnte oder wie man als Jungunternehmer mit spielerischer Leichtigkeit ein Anzeigenblatt etabliert, wenn man es mit dem Berufsethos nicht so genau nimmt.
Der Erfolg der Gruppe „Mikrokosmos“ basiert nicht nur auf der gelungenen Auswahl, Zusammenstellung und pointierten Ausarbeitung der Themen, sondern wird im Wesentlichen vom schauspielerischen Talent der Kosmonauten selbst getragen, die sich in wechselnden Rollen als äußerst wandlungsfähig zeigen und mit ausdrucksstarkem Minenspiel die Situationskomik auf die Spitze zu treiben wissen. Auf der Bühne zu erleben sind in diesem Jahr Angela Cercas, Isabella Isabella, Gisela Jeske, Pia Jost, Silvia Koffler, Brigitte Rosanowitsch-Galinski, Anika Waider, Nina Walzer-Stein, Katja Welsch, Wolf Heiser, Stefan Lohr, Johannes Matthias, Helmut Roog und Frank Walzer – und das noch zwei weitere Male am kommenden Samstag, 2., und Sonntag, 3. November. In Rente beziehungsweise in studienbedingter Pause befinden sich Klaus Klee und Colin Stein, sind mit der Feder aber weiter sehr aktiv.

Text: Martina Faust (Maintal Tagesanzeiger) +++ Fotos: Kalle Meyer