Das Programm 2008:

Gedöns un Grafaame

 

 

Dem Alltag den Spiegel vorgehalten
Kabarett-Gruppe „Mikrokosmos“ präsentiert „Gedöns un Grafaame“ im menschlichen und politischen Miteinander

Der Verkauf des Bischofsheimer Rathauses kann doch noch Profit abwerfen – zumindest, wenn die Hochstädter Kabarett-Gruppe „Mikrokosmos“ solvente Käufer in den Reihen ihres Publikums auslotet. Bei den Querelen um den ehemaligen Verwaltungssitz lag das Thema für die Kabarettisten quasi auf dem Präsentierteller. Und so kam das Rathaus bei einer Auktion im neuen Programm „Gedöns un Grafaame“ unter den Hammer. Vergebens habe man sich bemüht, an die handschriftlichen Notizen der „Liste der Grausamkeiten“ oder die Abrechnungsbelege von Dorothee Diehl zu gelangen, doch zumindest begehrte Sammlerobjekte mit Motiven des Bischofsheimer Rathauses konnte das Publikum ersteigern. Wenngleich die ersten Hände sich nur verhalten reckten, erzielte ein Modell des Rathauses als „Symbol kommunaler Vergänglichkeit“ am Premierenabend des neuen Mikrokosmos-Programms am Freitag bereits ein Höchstgebot von 31 Euro. Das Startgebot lag bei fünf Euro. „Das ist inoffiziell der Erlös, der für den Verkauf des Rathauses nach Abzug aller Kosten zu erwarten ist“, erläuterte Auktionator Klaus Klee, der sichtlich erfreut über das hohe Gebot war. „Mancher Besitz, der den einen gar nichts bedeutet, macht andere stolz“, bemerkte er spitz.

Mit „Gedöns un Grafaame“ halten Isabella, Gisela Jeske, Angela Cercas, Pia Jost, Christine Rothaut, Nina Stein, Katja Welsch, Klaus Klee, Stefan Lohr, Johannes Matthias, Helmut Roog, Colin Stein und Frank Walzer dem Alltag den Spiegel vor. In zwischenmenschlichen Begegnungen, banalen Situationen und in kommunalpolitischen Entscheidungen kehren sie in satirischer Manier jene Seite hervor, über die sich nicht nur lamentieren, sondern auch herzhaft lachen lässt. Das beginnt schon mit dem ganz normalen Wahnsinn einer Bestellung am Drive-in-Schalter eines Fast-Food-Restaurants. Angesichts der wunderbaren Welt der Wahlmöglichkeiten beim Appetit auf einen simplen Hamburger kann der Kunde nur kapitulieren.

Auch die flüchtigen Liebesversprechen zwischen Chatroom-Bekanntschaften werden entlarvt, denn hinter dem Cyber-Casanova „Heartbreaker“ verbirgt sich ein Rentner, der in der virtuellen Begegnung Ablenkung von der Hausarbeit findet, während der heimische Drache im Hintergrund krakeelt, dass der Müll noch rausgebracht werden muss. Schnell zeigt sich, dass das menschliche Miteinander bereits in der Begegnung der Generationen seine Tücken besitzt. Schon die Kommunikation muss scheitern, weil der Großvater von Schnulli-Bambulli, Alimentenkabel und „voll dem Bruzzler“ nur wenig versteht, und auch die Mentalität grundverschieden ist. Während der Opa das Leben der jungen Leute auf Pump kritisiert, zur Altersvorsorge rät, zuckt der Enkel gleichgültig die Schultern: „Wieso, ich erbe doch alles von dir.“ Vorzeitig möchte er den Großvater von den Mühen des Vererbens entlasten. Der könne doch schon jetzt ins Heim und dem Enkel alles geben, denn die Vorsorge sei heutzutage ohnehin so schwierig. Am Ende stehe der Sprössling ohne Geld da und müsse gar ins Heim. „Das willst du doch nicht wirklich, Opa!“ Mit dem Appell an das Gewissen wird der Opa gewissenlos verkauft.

Auch die Paragraphentreue eines städtischen Mitarbeiters, der selbst im Karneval pflichtbewusst die Verordnungen einhält, ist auf der Bühne zu sehen, ebenso wie der Trend, zum Abitur eine Schönheits-OP zu schenken. Schließlich weiß der erfahrene Arzt von „Polska Beauty“, die Burger-King-Anomalie an den Oberarmen ebenso zu entfernen, wie die Brüste von einer Outlook- in eine Straight-Ahead-Position zu verschieben. Geradezu phänomenal ist die aufmerksame Beobachtung des oftmals romantisierten Marktgeschehens, die Frank Walzer in einem Lied zusammenfasst und die Gedanken hinter der Fassade des vordergründig freundlichen Marktverkäufers zeigt.

Ungeschoren kommt natürlich auch die Kommunalpolitik nicht davon. Der Schülerin des Volkshochschulkurses „Kommunalpolitik und gesunder Menschenverstand“ erläutert ein regelmäßiger Gast der Maintaler Stadtverordnetenversammlung, dieser Mischung aus „königlich-bayerischem Amtsgericht und Frankfurter Volkstheater“, die Feinheiten im politischen Entscheidungsprozess. Dass die, die aussähen wie der Elferrat der Magistrat und Mitarbeiter der Verwaltung seien, und zum Dörnigheimer Ortsverein der SPD heißt es: „Die wissen nie, wie es weiter geht, aber immer, was sie nicht wollen.“ Auch die Suche nach einem Bürgermeisterkandidaten, der im Wahlkampf gegen Amtsinhaber Erhard Rohrbach bestehen kann, beschäftigte die Mikrokosmonauten. Da skizzieren zwei resignierte SPD-Vertreter ein Kandidatenprofil, das Rohrbach ebenbürtig sein muss: schwarz, routiniert, die Verkörperung des kleinen Mannes und rigoroser Vertreter von CDU-Interessen. Mit leuchtenden Augen verkünden die beiden den Namen, der all diese Anforderungen in sich vereint: Angelika Feuerbach, Fraktionsvorsitzende der CDU.

Selbst der Szenenwechsel im Dunkeln ist bei „Mikrokosmos“ ein Erlebnis. Flüstersketche, die Dialoge zwischen den Schauspielern hinter der Bühne wiedergeben, lassen manchen Zuschauer schon mal verunsichert hin- und herrutschen, wenn vom verkleckerten Fleischkäse auf dem Stuhl erzählt wird. Die Kabarett-Gruppe zeigt: Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, im Mikrokosmos Alltag.

Bilder von Kalle Meyer +++ Text: Martina Faust