Das Programm 2008:

Was is'n da los?

 

Pointierte Sketche und mehr:
Dem Volk und den Politikern den Spiegel vorgehalten

Hochstädter "Mikrokosmonauten" nehmen Alltägliches gekonnt auf die Schippe
Auch Maintals Prominenz bekommt ihr Fett weg

Im vergangenen Jahr feierten sie mit ihrem ersten abendfüllenden Kabarettprogramm im evangelischen Gemeindehaus in Hochstadt erfolgreich Premiere. Damals waren es noch zwei Vorstellungen, doch der Erfolg war so überwältigend, dass die Gruppe "Mikrokosmos" des Humor-Musik-Vereins (HMV) "Edelweiß" diesmal noch eine Zusatzvorstellung anberaumen musste. So groß war das Besucherinteresse. An drei Abenden konnten die Maintaler Kabarettfreunde also die Sketche der insgesamt 15 Aktiven erleben. Auch diesmal wieder nahmen sie mit spitzer Zunge alltägliche Begebenheiten und die Maintaler Lokalpolitik auf die Schippe.

Ungeschoren davon kamen aber ebenso nicht die Gesundheitsreform von Ministerin Ulla Schmidt, das Thema Doping oder der Führerschein ab 17. Über zwei Stunden lang hielten die "Mikrokosmonauten" auf scharfsinnige Weise dem Volk und den Politikern den Spiegel vor. Dabei musste die Kabarettgruppe am Wochenende auf zwei ihrer wichtigsten Aktivposten auf der Bühne verzichten, die allerdings dennoch im Vorfeld für zahlreiche Texte und Ideen gesorgt hatten, die von ihren Mitstreitern dann auch kongenial umgesetzt wurden. Frank Walzer bildet sich nämlich de rzeit bei seinem Auslandsstudium in Schweden weiter und Klaus Klee musste seine Teilnahme aufgrund eines Todesfalls in der Familie kurzfristig absagen.

Ihr Fehlen machten die anderen 15 "Mikrokosmonauten" mit großem Engagement und erfreulicher Textsicherheit wett. In der besuchten Vorstellung am Samstagabend gab es keine Hänger, wirkte zudem das Zusammenspiel zwischen den Aktiven ideal aufeinander abgestimmt. Den großen Jubel des Publikums erhielten verdientermaßen die folgenden Kabarettisten: Isabella Isabella, Gisela Jeske, Pia Jost, Silvia Koffler, Christine Rothaut, Nina Stein, Katja Welsch, Angela Cercas, Harald Bodens, Stefan Lohr, René Kröller, Johannes Matthias, Helmut Roog, Michael Sessner und Colin Stein.

Nicht halten vor Lachen konnten sich die Zuschauer vor allem bei jenem Sketch, der die missratene Gesundheitsreform der großen Koalition auf geradezu groteske Art und Weise auf die Schippe nahm. In breitem Familie-Hesselbach-Hessisch operiert da der Ehemann - assistiert von seinen erwachsenen Kindern - die eigene Frau, obwohl er keine Ahnung davon hat, wie man einen Blinddarm entfernt. Entsprechend schaut er während der Operation unbedarft auf die Video-Anleitung, schafft es aber dennoch, den berühmten Appendix aus der Gattin herauszuholen. Dies geschah allerdings auf so köstliche Art und Weise, dass man als Zuschauer bei so viel Situationskomik ganz schnell unter den eigenen Stuhl hätte rutschen können.

Nicht geschont wurden natürlich auch die Maintaler Lokalpolitiker. Bei einem Sketch nahmen die "Mikrokosmonauten" das Gebaren des heimischen Magistrats in Sachen Bauprojekte mit potenten Investoren aufs Korn. Da wollte die gewiefte Stadträtin (Silvia Koffler) doch glatt mit der adretten Architektin (Isabella) die "Grüne Mitte" mit einem Landeplatz für Helikopter, einem Erhard-Rohrbach-Stadion und einer Golf-Driving-Range verbauen. Das der Mitarbeiter des Fachdienstes Umwelt (Johannes Matthias) immer wieder die Bewahrung der Natur anführte, wurde von den beiden resoluten Damen als überflüssig vom Tisch gewischt. Man müsse den Bürgern das Ganze nur als tolle Investition verkaufen, die allen etwas bringe. Dass die Realität dann ganz anders aussehe, müsse man ihnen ja nicht auf die Nase binden. Mauschelei ist also Trumpf in der Lokalpolitik.

Dieses Thema griffen die Hochstädter Kabarettisten immer wieder auf. Der anwesende Bürgermeister Erhard Rohrbach lachte dennoch kräftig mit. So mancher junge Fahranfänger dürfte bei dem Sketch " Führerschein mit 17" mit Nina Stein und Michael Sessner an eigene Erfahrungen erinnert worden sein. Auf treffliche Weise spielten die beiden Tochter und Vater nach der bestandenen Führerscheinprüfung. Der Vater ist dabei übervorsichtig und gibt der bald genervten Tochter laufend Ratschläge, dass sie bloß nicht zu schnell fahren und möglichst nur den ersten und den zweiten Gangbenutzen solle. Schließlich gibt die Fahranfängerin völlig entnervt auf.

Kinobesucher, die andere mit ihren Gefühlsausbrüchen und Gesprächen mit dem Nachbarn stören, dürften wir auch alle schon erlebt haben. Gisela Jeske und Harald Bodens hätten solche Nervtöter nicht besser treffen können. Bodens gab den ständigen Nörgler, der eigentlich gar nicht ins Kino wollte, und Jeske dürfte mit ihrem lautstarken Weinen und Lachen selbst Tote aufgeweckt haben. Vollends grotesk wurde es, als Colin Stein das eigenartige Paar darauf aufmerksam machte, dass das bisher Gesehene doch erst die Werbung gewesen sei, der Film jetzt erst anfange.

Das Thema Doping hat die "Mikrokosmonauten" auch nicht kalt gelassen. Allerdings nahmen sie es auf eine ganz ungewöhnliche Art aufs Korn. Die scheinbar vorbildliche Mutter Erika Fabel, die trotz zweier Kinder noch einem Halbtagsjob nachgeht und außerdem sogar Rennschildkröten züchtet, gesteht in der Talkshow von Johanna B. Kerner, dass sie das alles nur unter Einnahme von verbotenen Substanzen bewältigen konnte. Da wurden natürlich Assoziationen zu den TV-wirksamen Geständnissen von Erik Zabel & Co erkennbar, die von den "Mikrokosmonauten" zweifellos intendiert waren.

Das Programm zeichnete sich insgesamt durch einen gelungenen Mix aus Seitenhieben auf die Maintaler Lokalpolitik, den Marotten der Menschen im Allgemeinen und mancher gesellschaftlichen (Fehl-)Entwicklung aus. Köstlich geriet so zum Beispiel die Zwiesprache zwischen Silvia Koffler und Katja Welsch, die zu Tage förderte, dass Fremdworte ihren Reiz verlieren, wenn man ihre Bedeutung nicht kennt und sie wahllos durcheinander wirft.

 

Bilder von Kalle Meyer +++ Text: Lars-Erik Gerth