Das Programm 2006:

...jetzt überdacht

 

Pointiert den Spiegel vorgehalten

Hochstädter Kabarettgruppe "Mikrokosmos" feiert überzeugende Premiere mit vielen Höhepunkten

Nichts los im Sommer bei den Humoristen? Die treten nur zur Karnevalszeit mit Programm auf? Falsch! Das hat die HMV-Kabarettgruppe „Mikrokosmos“ schon 2005 eindrucksvoll widerlegt. Nach diesem Erfolg gestalten die „Kosmonauten“ im Oktober 2006 einen ganzen Abend selbst. Und zwar „…jetzt überdacht!“. Das Programm „…jetzt überdacht!“, das am letzten Oktoberwochenende 2006 im Hochstädter Gemeindehaus aufgeführt wurde, war gespickt mit Themen aus der kleinen Bundes- und der großen Kommunalpolitik – Köstlichkeiten auch für Nichtkenner der Szene.

Was beim Hochstädter Altstadtfest des Humor- und Musikvereins "Edelweiß" im vergangenen Jahr unter dem Titel "Passiert - Notiert - Karikiert" seinen Anfang nahm, ist nun zu einem ausgereiften Kabarettprogramm geworden. Zehn HMV-Mitglieder hatten sich damals zusammengetan und gründeten die Gruppe "Mikrokosmos", die nun mit ". . . jetzt überdacht" ihr erstes abendfüllendes Programm auf die Beine stellte, dabei pointiert lokale Geschehnisse und Dinge auf die Schippe nahm, die jedem von uns passieren könnten. Auf gewitzte und satirische, aber nie böswillige Weise hielten die zwölf Frauen und Männer der Gesellschaft den Spiegel vor. Die beiden Vorstellungen im Evangelischen Gemeindehaus Hochstadt waren zu Recht bis auf den letzten Platz ausverkauft. Als gelungen kann die gute Mischung aus lokalen Ereignissen und alltäglichen Begebenheiten bezeichnet werden, die von Gisela Jeske, Pia Jost, Isabella, Silvia Koffler, Helmut Roog, Christine Rothaut, Michael Seßner, Colin und Nina Stein, Angela Cercas, Klaus Klee und nicht zuletzt von Frank Walzer in 23 Beiträgen "aufgespießt" wurden.

Ideen, Texte, Arrangements, Bühnenausstattung und -aufbau hatten die zwölf HMV-Mitglieder - zusammen mit weiteren Helfern hinter der Bühne sowie an der Technik - komplett in Eigenregie auf die Beine gestellt. Koordiniert wurde all dies von Frank Walzer, der die Gruppe leitet. Dessen ungeachtet war es eine Gemeinschaftsleistung, welche das "jetzt überdachte" satirische Programm zum Erfolg führte. Denn die acht Damen und vier Herren überzeugten durchweg durch gekonntes Spiel und Textsicherheit. Und die einzelnen Sketche waren nicht bemüht auf einen Schlussgag ausgerichtet, sondern gefielen durch ihre Dramaturgie und das spürbare Anliegen, jeweils eine Gesellschaftskritik für den Zuschauer nachvollziehbar zu transportieren.

Das galt zum Beispiel für den Freiwilligen Polizeidienst, für dessen Einführung in Maintal sich die CDU bisher vergebens eingesetzt hat. Klaus Klee und Frank Walzer spielten zwei "freiwillige Polizisten", die für sieben Euro pro Tag in erster Linie wegschauen, wenn sie gebraucht werden, und sich über ihre Umgebung lustig machen, die Zeit in erster Linie mit "schleecht babbele" rumbringen. Nicht gut kam die Stadt Maintal beim Sketch "Automatische Weiterleitung" weg. Christine Rothaut versucht minutenlang, telefonisch durchzukommen, um herauszufinden, wann die nächste Bürgersprechstunde von Erhard Rohrbach ist. Eine elektronische Stimme sagt ihr jedoch ständig, dass sie entweder die eins, die zwei oder die drei drücken müsse, um zum Ziel zu kommen. Am Ende wird sie dann, weil sie zu lange die Leitung blockiere, abgewürgt, mit dem Hinweis, dass sie sich jetzt beschweren könne - am Donnerstag zwischen 15.30 und 16 Uhr in der Sprechstunde des Bürgermeisters .

Gelungen war übrigens schon der Beginn des Abends, als alle Ensemblemitglieder vorführten, wie rücksichtslos und gedankenverloren sich Menschen in den Publikums-Sitzreihen in einem Kino oder Theater aufführen können. Auf den Kieker genommen wurde in spritzig-witziger Weise auch Hochstadts Pfarrer Uwe Rau wegen seines eingelegten Weiterbildungssemesters, währenddessen in Hochstadt weder Kinder getauft noch Ehen geschlossen werden konnten und sich somit ein Engel (umwerfend: Colin Stein) bei der Arbeitsagentur joblos melden musste. Für große Erheiterung sorgte auch der Sketch "Pietät", denn die gehörnte Ehefrau (Gisela Jeske) macht der Besitzerin der Pietät (Isabella) schnell deutlich, dass sie ihren untreuen Mann, der im Bett der Geliebten sein Licht ausgehaucht hatte ("Hyper-Eros-Exitus"), so billig wie möglich unter die Erde bringen möchte.

Dass es bei einigen Ehepaaren mit der Emanzipation doch noch nicht soweit her ist, demonstrierten Gisela Jeske und Michael Seßner auf köstliche Weise. Über Nichtigkeiten kann man sich bekanntlich auch in die Haare geraten - dies bewiesen zunächst Pia Jost und Silvia Koffler beim Streit um den "Mikrowellenherd" und dann Nina Stein und Pia Jost, die versuchten, sich beim Psychotest gegenseitig zu beschummeln.
Aber auch die weiteren - mit zum Teil trockenem Humor vorgetragenen - Sketche konnten sich sehen und hören lassen und machten den Abend zu einer kurzweiligen Angelegenheit, wobei sich die Besucher über manche Spitze doch noch ihre eigenen Gedanken machen sollten.

 Bilder von Kalle Meyer +++ Text: Maintal Tagesanzeiger