Fastnachtssitzung 2016

„Alter Meister“ und die heiße Luft seiner Nachfolgerin

Die Hochstädter Humoristen zeigen sich von ihrer besten Seite und lassen weder Erhard Rohrbach noch die neue Bürgermeisterin ungeschoren

Text: Lars-Erik Gerth (MTA) +++ Fotos: Kalle Meyer

Glanzvoll sind die Aktiven des Humor-Musik-Vereins „Edelweiß“ im ausverkauften Hochstädter Bürgerhaus in ihren närrischen Sitzungsreigen gestartet. Sie boten ein abwechslungsreiches Programm, das zwar fast fünf Stunden dauerte, aber mit zahlreichen Höhepunkten aufwartete und unterstrich, dass sich der Maintaler Karneval vor den Hochburgen der fünften Jahreszeit keineswegs verstecken braucht. Vor allem erfreute die gelungene Mischung aus scharfzüngigen Wortbeiträgen, einfallsreichen Tanzchoreographien, Stimmungsliedern und dem alles in den Schatten stellenden Auftritt der „Lärmbelustigung“. Als die Mitglieder der Hochstädter Guggenmusikformation gegen 0.40 Uhr ins Bürgerhaus einzogen, musste man gar um dessen Fortbestand bangen. Da stand so mancher Besucher auf den Tischen und feierte zu Recht den Abschluss einer grandiosen Fastnachtssitzung.

Dass die Nachwuchsarbeit beim HMV einen hohen Stellenwert besitzt, ist schon länger bekannt. Aber dennoch ist es immer wieder erfreulich zu sehen, welche Talente der Verein herausbringt, die ohne erkennbare Nervosität vor ein großes Publikum treten und für tolle Darbietungen sorgen. So sorgte nach dem Einzug des Elferrats (dieser saß erstmals nicht hinten auf der Bühne, sondern rechts vor dieser an der Seite) mit seinem Sitzungspräsidenten Thorsten Heide an der Spitze und der unverwüstlichen HMV-Hymne „Heut' ist Karneval im Bürgerhaus in Hochstadt“, die Klaus Hahn in unnachahmlicher Weise vortrug, das Jugendgruppenstück für den ersten Höhepunkt der Veranstaltung. Die sechs jungen Damen und Herren im Alter zwischen 14 und 18 Jahren brachten den berühmten Comic-Helden Lucky Luke (umwerfend gespielt von Christian Leist) nach Hochstadt, dessen Schatten (ebenfalls überzeugend: Marcel Fischer) sich einfach zu wenig gewürdigt sieht. Die beiden sorgten gemeinsam mit den Daltinis (Johanna Röll und Lara Fischer) und dem griechischen Bankangestellten (Jannik Lochmann) für viel Situationskomik, deren Rahmenhandlung Laura Waider aus dem „Off“ erzählte.

Nach diesem starken Auftakt erlebte das Publikum die gelungene Premiere einer neuen Gruppe. Das Tanz-Projekt umfasst insgesamt zehn Aktive, bei denen der Altersunterschied bemerkenswerte 46 Jahre beträgt. Verschränkt werden bei dieser Formation verschiedene Tanzstile von Klassik bis Moderne, aber ebenso akrobatische Elemente aus der Welt des Turnsports. Das Besondere an dem Vortrag, der den Namen „Freak-Show“ trug, war es, dass diese ganz unterschiedlichen Stile perfekt aufeinander abgestimmt waren und die zehn Akteure eine vortreffliche Chroreographie auf die Bühne des Bürgerhauses stellten. Vor allem der kleine Daniel Krapf bot dabei als quirliger Hip-Hop-Tänzer mit umwerfender Mimik eine außerordentliche Leistung. Die Gruppe stellt eine absolute Bereicherung des HMV-Programms dar.

Und auch insgesamt erfreuten die Tanzformationen der Humoristen mit ausgefeilten Choreographien. Dies galt für den Tanz der Majorettes, bei dem die jungen Damen ihre Batons durch die Luft wirbelten und zu den Klängen von „What I did for love“ oder „All of me“ für einen dynamischen Vortrag sorgten, den ihre Trainerinnen Ann-Kristin Hildenhagen und Christine Misiewicz mit ihnen einstudiert hatten. In den Weltraum entführten die Maxi-Majoretttes das Publikum bei ihrem Tanz „Space“. Ihre Trainerinnen Britta Rosbach, Natalie Oestreich, Steffi Oestreich und Nina Reich hatten eine tolle Darbietung vorbereitet, die durch Hebefiguren und Dynamik für sich einnahm.

Immer ein Hingucker bei den HMV-Sitzungen ist der Auftritt des Männerballetts. Diesmal schlüpften die Herren nicht in Frauenkleider, sondern erwiesen sich als harte Männer Schottlands. Bei ihren „Highland Games“ durften Baumstammwerfen und Tauziehen natürlich nicht fehlen. Chef-Choreograph Luis Cercas hatte mit seinen Mitstreitern einen stimmigen Tanz erarbeitet, der nicht allein aufgrund seiner tollen Abschlussfigur begeisterte. Das war nicht nur ein Hingucker für die weiblichen Besucher. Zuvor konnten die närrischen Besucher in Hochstadt starke Frauen auf der Bühne erleben, als die „Golden Girls“ zu „Rock mi“ oder „I sing a Liad für di“ als fesche Oktoberfest-Mädels in Erscheinung traten. Und bei diesem Ausflug in alpenländische Gefilde durfte auch die Rockversion der guten alten „Heidi“-Titelmelodie nicht fehlen. Dieser Auftritt war ebenfalls bestens choreographiert.

Vor allem die Herren der Schöpfung hatten ihre Freude am Showtanz der „No Limits“. Trainerin Christine Misiewicz hatte mit ihren Damen eine Choreographie voller prickelnder Erotik entwickelt, die in den Bann zog. Unter dem Titel „Burlesque“ fühlte man sich durchaus ins „Moulin Rouge“ oder ein ähnliches Etablissement versetzt. Anmut und Grazie der Tänzerinnen standen eindeutig im Zentrum des ausdrucksvollen Tanzes, der wohl niemanden kalt gelassen haben dürfte. In den Frauenknast führte der Vortrag von „Green Rhythm“. Diese Gruppe von jungen Damen ließ es bei ihrer Choreographie „Unter Arrest“ nicht an Dynamik fehlen. Zu Songs wie „Breakout“ oder „Wings“ wirbelten die Tänzerinnen im gestreiften Outfit über die Bühne und meisterten außerdem beachtliche Hebefiguren. Die Begeisterung des Publikums war groß, das im Übrigen von Anfang an gut mitging und bestens aufgelegt war.

Während andere Karnevalsvereine kritische Anmerkungen zur großen und kleinen Politik immer mehr aus ihrem Programm herausnehmen, bildet dieses Kernelement der Narretei ein zentrales Element beim HMV. Mit Frank Walzer und Colin Stein verfügt der Verein allerdings auch über zwei Ausnahmetalente, die diesmal erneut in gereimter Form die politischen Ereignisse der vergangenen Monate trefflich aufs Korn nahmen.

Frank Walzer kam dabei als Maintaler Archäologe auf die Bühne, der unter anderem das Bild eines „Alten Meisters“ im Müll gefunden hat. Und dieser „Alte Meister“ war natürlich Erhard Rohrbach, den Walzer als ein „Relikt aus einer längst vergangenen Zeit“ bezeichnete, das nun wohl nicht so recht wisse, was es mit seiner neuen Freizeit anfangen solle. Aber der Archäologe war sich sicher, dass „Mutti“ Böttcher schon Verwendung für ihn finden werde. So bekam denn nicht nur der langjährige ehemalige Bürgermeister sein Fett weg, sondern ebenso seine Nachfolgerin, die bisher, so Walzer, wenig Konkretes zu den wichtigen Maintaler Themen von sich gegeben habe. Aber das mache ja nichts, denn „heiße Luft findet ja immer Verwendung“ und außerdem packe die neue Rathauschefin generell „uns alle in Watte“, verstehe sie sich doch vor allem aufs Moderieren und weniger aufs Regieren. Natürlich durfte bei ihm auch das Thema „Flüchtlinge“ nicht fehlen, bei dem sich der Archäologe gegen rechte Parolen aussprach.

Während sich Frank Walzer mehr mit der Lokalpolitik und den Vorgängen in Maintal beschäftigte, legte Colin Stein bei seinem Vortrag den Fokus ebenso auf die große weite Welt, so beispielsweise auf den ultrakonservativen US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump oder natürlich auf Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bei ihr warte er beispielsweise noch immer darauf, dass sich selbst bei ihr der Spruch „Erfolg macht sexy“ bewahrheitet. Colin Stein trat als „Hochstädter Hund“ auf, der anstelle seines Herrchens zur Sitzung gekommen war und die Geschehnisse der vergangenen Monate nun eben aus dem Blickwinkel des besten Freundes des Menschen beleuchtete. Eine tolle Idee, die Colin Stein auf rhetorisch und mimisch hervorragende Weise umsetzte.

Gesellschaftskritik gab es beim „Alltäglichen Wahnsinn“, den Pia Jost, Stefan Lohr und Silvia Koffler auf die Bühne brachten. Dabei ging es um Zwischenmenschliches, beginnend vom Kennenlernen bis zum tristen Ehealltag. Silvia Koffler moderierte diese „Sondersendung“ über die Gegensätze zwischen Mann und Frau auf vortreffliche Weise. Und ihre beiden Probanden ließen es nicht an bemerkenswerter Situationskomik fehlen, unterstrichen auf gewitzte Weise, was wir ja schon lange wissen. Dass nämlich männliche und weibliche Wesen einfach ganz unterschiedlich ticken.

Der Tausendsassa der Humoristen ist seit Jahren Johannes Rosbach, der nicht nur die Guggemusiker der „Lärmbelustigung“ anführt, sondern auch beim Männergruppenstück mitmacht und stets ebenso mit einem Solovortrag brilliert. Am Samstag bot er eine „Integration mal anders“, nämlich die Integration eines Sachsen in Hochstadt. Bei seinem sensationellen Vortrag konnte man schon den Eindruck erhalten, dass Rosbach ein originärer Dresdner oder Leipziger ist. Denn so breiten sächsischen Dialekt kann eigentlich nur ein dortiger Ureinwohner sprechen. Doch der HMV-Aktive ist ein waschechter Hochstädter, der als Stimmungskanone kaum zu schlagen ist. Er brachte so unter anderem den Saal dazu, bei Wolfgang Petrys Kultsong „Wahnsinn“ aus vollen Kehlen „Hölle, Hölle“ mitzuskandieren.

Für tolle Stimmung sorgten natürlich auch wieder gleich zweimal die „Humorias“, die durch eine junge Mitstreiterin verstärkt wurden. Die erst 17-jährige Hanna Steinbrecher erwies sich dabei nicht nur als gute Sängerin. Beim zweiten Auftritt „Im Kleeblatt“, bei dem die anderen Mitglieder der Formation als Bewohner des neuen Hochstädter Seniorenwohnheims zu erleben waren, gab sie nämlich die resolute Pflegerin. Das „Kleeblatt“ im drittgrößten Stadtteil, das in der Realität erst im Laufe des Jahres eröffnet wird, hatte zuvor auch bei Monika Heiser und Monika Göpfert eine wichtige Rolle gespielt. Mit dem Älterwerden hatte das Duo durchaus seine Probleme, vor allem lernten die beiden ständig neue Leute kennen. Simone Wilhelm wiederum berichtete von den Problemen, die entstehen, wenn der Ehemann eine Diät anfängt, bei der er bestenfalls 100 Gramm abnimmt. Fetzige Stimmungssongs intonierte auch diesmal wieder das „Clautrio“, das sich trotz einer veränderten Besetzung in bester Sangeslaune präsentierte. Angela Cercas vertrat an der Seite von Klaus Hahn und Claudia Dimter Claudia Rieß auf vorzügliche Weise.

Einer der Höhepunkte war erneut das Männergruppenstück, das stets eine bekannte Geschichte auf die Schippe nimmt. Diesmal ging es um Robin Hood, der sich bei den Humoristen als kauziger „Robin Hut“ entpuppte, der stets auf der Jagd nach neuen Hüten ist, was seine Mitmenschen doch ziemlich nervt. Der bereits erwähnte Johannes Rosbach spielte diesen nicht alltäglichen Helden auf umwerfende Weise, hatte aber auch in Dennis Götz, Colin Stein, Andreas Koffler, René Kröller, Stefan Lohr, Peter Heckert, Julien Klyn, Fabian Fuchs, Patrick van der Stap und Colin Jeske hervorragende Mitstreiter.

Und als zu später Stunde noch die „Lärmbelustigung“ dezibelstark ihren Einzug in den HMV-Narrenbau nahm, gab es kein Halten mehr, erklomm die berechtige Begeisterung ihren Siedepunkt. So ging eine närrische Sitzung zu Ende, die keine Wünsche offen ließ.