Fastnachtssitzung 2014

Lauernde Wanze verirrt sich ins Bürgerhaus

 Humoristen punkten bei ihrer Fastnachtssitzung einmal mehr mit ihren Vorträgen aus der eigenen Feder 

Eine Wanze. Braun, mit sechs Beinen und riesigen Fühlern. Und das mitten auf der Bühne im Hochstädter Bürgerhaus! Doch statt empörtem Ekelgeschrei löste dieses „Ungeziefer“ lautstarke Begeisterungsstürme aus. Denn dieses Wanze hatte es in sich: nämlich Colin Stein. Und ab diesem Zeitpunkt war klar: Diese Wanze würde nicht ausspionieren, sondern ausplaudern. Schließlich zählt Colin Stein mit seinen Vorträgen seit vielen Jahren zu den Höhepunkten bei den Fastnachtssitzungen des Humor-Musik-Vereins (HMV) „Edelweiß“.

Der tosende Applaus und die stehenden Ovationen, die die „Wanze“ am Samstagabend erntete, waren ein unzweifelhaftes Barometer für die inhaltliche, sprachliche und schauspielerische Qualität des Vortrags – und eine hörbare Bestätigung, dass es gerade die pointierten, kritischen und maintalbezogenen Wortbeiträge aus der Feder der Vortragenden sind, welche die Sitzungen des HMV auszeichnen und so populär machen.

 Die Einstimmung der erwartungsfreudigen Narrenschar im voll besetzten Hochstädter Bürgerhaus übernahm in diesem Jahr erstmals die „Lärmbelustigung“, die traditionell das lautstarke Finale und den Kehraus gestaltet. Vorerst jedoch blieben die auffälligen schaurigen Masken hinter der Bühne verborgen, ebenso wie die charakteristischen grün-lila Kostüme. Wer die Hochstädter Guggemusiker des HMV kennt, wird die musikalische Einstimmung am Samstagabend als dezent bezeichnen. Mit einem Guggemedley brachten die Lärmer das Publikum dreivierteltaktisch in Schwung.

 Spätestens, als Klaus Hahn im Anschluss an die Begrüßung durch Sitzungspräsident Thorsten Heide in den Saal einzog und singend verkündete „Heut‘ ist Karneval im Bürgerhaus in Hochstadt“ war der eigentliche, traditionelle Startschuss gefallen. Denn eine Sitzung ohne diesen Klassiker ist undenkbar! Ebenso wie eine Sitzung ohne Majorettes, die mit ihren wirbelnden Bâtons und ausgefeilten Choreographien fester Bestandteil der HMV-Fastnacht sind. In diesem Jahr waren die Majorettes ein echter Glanzpunkt – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Unter dem Motto „Rock of Lights“ zauberten sie zu Bon Jovis „Runaway“ eine spektakuläre Lichtershow auf die Bühne, mit Kostümen, in die zahllose kleine Lämpchen integriert waren, leuchtenden Bâtons, viel Rhythmusgefühl und noch mehr Fingerfertigkeit.

 Damit die Bewegungsabläufe so harmonisch, routiniert und synchron wirken, bedarf es zweifellos viel Übung. Die hätten auch die Darsteller von Shakespeares „Romeo und Julia“ nötig. Doch eine gewischmoppte Julia (Noah Schauer), ein mobil vernetzter Romeo (David Sessner), ein bühnenhungriger Vogel (Fabian Fuchs) und ein zum Tybalt avancierter Hausmeister (Christian Leist) treiben den Regisseur (Patrick van der Stab) an den Rande des Nervenzusammenbruchs und schließlich zur Kapitulation. Es ist der ganz normale Probenwahnsinn, den die 16- bis 18-Jährigen mit ihrem Jugendgruppenstück auf die HMV-Bühne brachten und unterhaltsam zeigten: Hinter dem scheinbar mühelosen Zusammenspiel steckt viel Arbeit – auch von jenen, die man auf der Bühne nicht sieht, weil sie im Hintergrund wirken und für das perfekte Erscheinungsbild sorgen. Wie die Nähfrauen, die den Bühnenaktiven einmal mehr ausgefallene Kostüme auf den Leib schneiderten, etwa den Maxi Majorettes, die mit venezianischen Masken und aufwändig verzierten Kleidern in den geheimnisumwobenen Karneval in Venedig entführten. Bunte wallende Röcke, viel glitzernder und klimpernder Goldschmuck sowie ein verführerischer Hüftschwung versprühten beim Folkloretanz der „No Limits“ orientalischen Zauber.

Ebenfalls auffällige Akzente setzten die Kostüme der Tanzformation „Greenrhythm“, die als Pierrots und Clowns extreme Gegensätze auf die Bühne brachten: Die Pierrots mit ihrer schwarz-weißen Maskerade, mit ernster Mimik, grazilen Bewegungen und einem puppenhaften Erscheinungsbild auf der einen Seite, auf der anderen die munteren Clown mit ihren leuchtend bunten Kostümen, heiterem Gesichtsausdruck, einer quirligen Choreographie und clownesken Elemente.

Von einem solch ausgelassenen Treiben konnte Petra Arnhofer nur träumen. Als „Eine Frau mitten im Leben“ schilderte sie ihren Alltag mit einem Jungsenior aus der Altersgruppe „50 plus X“ und sparte nicht an verbalen Spitzen in Richtung der Männer im fortgeschrittenen Alter: „Statt um die Gunst der Frau zu buhle, geht er in die Rückenschule“, verwies sie auf die Wandlung, die mit ihrer besseren Hälfte vorgegangen war. Doch bei aller Kritik entdeckte sie auch die Vorteile des reiferen Semesters und fand schlussendlich versöhnliche Worte: „Zum Abschluss sag' ich ganz gezielt: Man ist so alt, wie man sich fühlt.“ Dies hatten sich offensichtlich auch die „Humorias“ auf die Fahnen geschrieben. In Lederkluft, mit Nieten und Tattoos ließen sie es kräftig rocken. Mit Klassikern wie „I love Rock'n'Roll“, „Jukebox Hero“, „Here I go again“ oder „Rockin' all over the world“ rissen sie das Publikum mit, sorgten mit fetzigen Rhythmen für ein erfreuliches Gegengewicht zu den klassischen Schunkelliedern, die sie im späteren Verlauf mit ihrem Stimmungsmedley präsentierten, in die das Publikum kräftig einstimmte.

 Dazu hatten auch alle im Saal Grund – bis auf zwei. Denn nicht selten gibt es im Rahmen von Großveranstaltungen wie Fastnachtssitzungen Verkehrsbehinderungen durch parkende Autos. Wer da an „Die Knöllchenmafia“ in Gestalt von Pia Jost als pflichtbewusste Politesse geriet, der hatte das Nachsehen – wie Stefan Lohr, der vermeintliche Halter des Fahrzeugs H-MV 1896. Das Duo Jost-Lohr erwies sich bei seinem ersten gemeinsamen Auftritt als perfektes Bühnenpaar: Sie mit einem gekonnt gespielten Hang zum Hysterisch-Dramatischen, er im Gegenzug mit seiner betont trocken-lakonischen Art. Da war ein unterhaltsamer Schlagabtausch garantiert, der eine Reihe öffentlicher und privater Ärgernisse in Hochstadt aufgriff.

 Wer von dem Gezanke nichts mehr hören wollte, der konnte kurz darauf entspannt abtauchen und sich unter Wasser in das geheimnisvolle Reich der Meerjungenfrauen begeben, das die „Golden Girls“ mit ihrem Tanz auf die Bühne holten und dabei mit weiblichen Charme, einer ausgefeilten Choreographie und schuppig-schillernden Kostümen begeisterten.

 Als „Hochstädter Sprachtalent“ ist Johannes Matthias bekannt, da er Dialekte und Stimmen auf unnachahmliche Art authentisch imitieren kann. Nicht weniger Eindruck hinterlässt er als Sänger, mal mit weichem Timbre, mal mit kratzig-rockiger Stimme. Beide Eigenschaften führte er in diesem Jahr in der Figur eines niederländischen Hitproduzenten zusammen. Als solcher kennt er die wichtigsten Zutaten für erfolgreiche Karrieren im Musikgeschäft. Eines der wichtigsten Kriterien: Die Titel müssen an die Zielgruppe angepasst sein. Für Politiker und Fußballer beispielsweise bräuchte es viel Text und wenig Inhalt. Einen Fastnachtshit müsse man hingegen auch mit 18 Promille noch mitsingen können. Den Beweis trat er mit „1001 Nacht“, „Viva Colonia“, „Nur noch Schuhe an“ und „An Tagen wie diesen“ gerne selbst an.

„Singen“ konnte auch Colin Stein, allerdings im übertragenen Sinn. Dann als „Wanze“ im Auftrag Neugieriger Spanner Amis (NSA) konnte er so manches berichten. Der Auftritt zählte zweifellos zu den Höhepunkten des Abends. Colin Stein fesselte das Publikum durch eine starke Bühnenpräsenz, einen pointierten Rhythmus, eine ausdrucksstarke Gestik und Mimik und natürlich eine gnadenlose Abrechnung mit politischen und öffentlichen Personen. Verständnislos den Kopf schütteln konnte die Wanze nur über die willkürliche Zuteilung von Ministerposten nach Bundes- und Landtagswahl und spielte auch für Maintal eine Runde „Ministerroulette“. Ralf Sachtleber erhielt kurzerhand das Hochstädter Pfarramt und Uwe Rau galt es als Politiker zu loben, „denn Maintal hilft nur noch Hilfe von oben“. „Der ,Calimero'-Fahrer fährt zukünftig Bus, dann ist mit Verspätungen endgültig Schluss. (...) Nur einer bleibt ewig. Wie macht er das bloß? Bürgermeister Rohrbach, man wird ihn nicht los“, so die Wanze. Auch von einem Lauschangriff durch das Stadtoberhaupt wusste die Wanze zu berichten. Schließlich gab es auch in Maintal im vergangenen Jahr einiges, das die Gemüter erregt hatte und von den Bürgern heiß diskutiert wurde.

 Weniger politisch, sondern aus gefiederter Sicht brisanter waren hingegen die Themen, die die beiden Hühner Monika Heiser und Monika Göpfert scharrend begackerten. Da ging es um Legebeschwerden nach einem amourösen Abenteuer mit dem Strauß, die Gewinner von Germanys Next Top Chicken bei der Geflügelzuchtausstellung im Hochstädter Bürgerhaus, die Gefahr für das Hühnerleben durch Pizzafahrer und kabellose Kackmaschinen oder den Traumjob eines jeden Hahns – auf der Kirchturmspitze, um von dort das ruchlose Treiben in Bischofsheim oder das Elend in Wachenbuchen zu verfolgen. Überhaupt gehören die kleinen Sticheleien in Richtung der Nachbarn im Osten dazu. Doch tatsächlich ist man freundschaftlich verbunden, wie auch der Besuch des Prinzenpaars und einiger Vertreter der Rot-Weißen am Samstagabend belegte.

 Einen weiteren Volltreffer beim Publikum landete das Männergruppenstück mit einer parodistischen Version der „Biene Maja“. Dabei punkteten die Mitglieder durch hoffnungslos überdrehte Charaktere und einen aberwitzigen Handlungsverlauf. So schwirrten durch die Bienenwelt eine dauergrinsende Biene Maja (René Kröller), eine wuchtbrummige pinke Biene Mandy (Stefan Lohr), der billige bumsfidele Willi Boy (Johannes Matthias), ein leicht berauschter Williams Christ (Fabian Dimter), der pfiffig-poetische Prinz William (Peter Heckert) und ein hoffnungslos verliebter Willi (Colin Stein). Dazwischen hüpfte fidel ein schwul angehauchter grellgrüner Grashüpfer Flip (Dennis Götz), die Stubenfliege Puck (Andreas Koffler) hing chillig in einem Spinnennetz ab und dann gab es da noch eine fleischfressende Pflanze (Dennis Dimter) und Imker Bause (Julien Klyn) als Heiratsvermittler für die volljährige Biene Maja.

 Als Clautrio heizten Claudia Rieß, Klaus Hahn und Claudia Dimter zu später Stunde mit Fastnachtsliedern dem Saal noch einmal so richtig ein und intonierten im Refrain die zentrale Losung des Abends: „Humoristen an die Macht“. Die Macht ergriffen zunächst jedoch die Piraten des Männerballetts, die zu „Drunken Sailor“, „Es gibt nur Wasser“ und „Fluch der Karibik“ die Bühne enterten.

 Das lärmende finale Spektakel oblag dann natürlich traditionell der Lärmbelustigung. Nun jedoch alles andere als dezent, sondern laut, lauter, lärmer entlockten die Musiker ihren Instrumente die schrägsten Töne. Da hielt es niemanden mehr auf den Sitzen. Die begeisterten Narren standen auf Tischen und Stühlen, tanzten, sangen, johlten und verwandelten mit den Guggemusikern den Saal in einen brodelnden Hexenkessel, der allein durch die Angebote der Sektbar gelöscht werden konnte.

 

+++ Text: Martina Faust +++ Bilder: Kalle +++