Fastnachtssitzung 2011

Und Herr Ohrbach wartet immer noch auf sein Stadion

Hochstädter Humoristen nehmen Maintaler Lokalgeschehen auf die Schippe, brillieren mit Tänzen und Gesangseinlagen

 

Drei große närrische Sitzungen bietet der HMV im Bürgerhaus Hochstadt an. Und alle drei Veranstaltungen sind schon seit Wochen ausverkauft. Jene, die für den Auftakt am Samstagabend Karten erwerben konnten, kamen in den Genuss eines stimmigen Programms, das mit schwungvollen Tänzen, schmissigen Gesangsdarbietungen und vor allem mit Vorträgen aufwartete, welche das Maintaler Lokalgeschehen gekonnt auf die Schippe nahmen. Rund vier Stunden lang dauerte dieser karnevalistische Reigen, der vom Publikum mit hörbarer Begeisterung aufgenommen wurde.

Der Abend, durch den auf gewohnt souveräne Weise Sitzungspräsident Thorsten Heide führte, stellte auch anschaulich unter Beweis, dass bei den Humoristen einiges in Bewegung ist, sich neue Gruppen und Vortragende präsentieren, die zeigen, dass die Basis der Aktiven breit und vielfältig ist.

Nachdem der Elferrat Platz genommen und Klaus Hahn das Programm gewohnt musikalisch-spritzig eröffnet hatte, wirbelten die rund 50 Mitglieder der verschiedenen Majorettes-Gruppen über die Bühne. Besonders süß anzusehen waren dabei die jüngste Formation, der Mini-Majorettes. Sie hatten viel Spaß an ihrem Auftritt, während die größeren Majorettes in der zunächst dunklen Halle mit grün leuchtenden Batons für Stimmung sorgten.

Für den ersten Wortbeitrag sorgte die junge Samantha „Sammy“ Klyn, die von ihren turbulenten Eindrücken bei der Einkaufstour am Samstagvormittag berichtete. Zum ersten Mal stand sie mit einem Solo-Vortrag auf der HMV-Bühne und bewältigte diesen mit viel Wortwitz. Dem Publikum dürfte bei ihren Schilderungen so manche eigene Einkaufserfahrung in den Sinn gekommen sein. Die Frage zum Beispiel, welchen Saft man denn bei dieser großen Auswahl kaufen sollte? Und natürlich durfte das lange Warten an der Kasse nicht fehlen, weil jemand seine Rechnung partout Cent für Cent bezahlen muss. Für Sammy Klyn steht jedenfalls fest, dass sie sich jetzt einen Mann suchen wird, der für die das Einkaufen übernimmt. Andere Eigenschaften seien bei der Auswahl im Übrigen zweitrangig, so die kesse HMV-Aktive.

Für Stimmungsmusik war bei der HMV-Premiere 2011 natürlich wieder der ausgiebig gesorgt. Der unverwüstliche Herbert Oestreich feierte eine musikalische „Fiesta am Main“ und animierte das närrische Volk im Saal zum Mitschunkeln und Singen. Tatkräftig unterstützt wurde er dabei von der HMV-Bad „Just for fun“, die an diesem Abend zur Bestform auflief. Herbert Oestreich gehört auch zur bekannten Formation der „Humorias“, die gleich zweimal – ideal von Isabella Isabella einstudiert – für tolle Stimmung im Saal sorgten. Zunächst versetzten sie ihr Publikum in die 60er Jahre und gaben Hits aus dem Musical „Grease“ zum Besten, das einst durch die Verfilmung mit John Travolta und Olivia Newton-John berühmt wurde. Hits wie „You’re the one I want“ oder „“Summer Nights“ ließen die Besucher mitklatschen. Bei ihrem zweiten Auftritt drehte sich dann alles um die Schlager von DJ Ötzi, die natürlich jeder kennt und mitsingt. Ob der „Anton aus Tirol“ oder der „Stern, der deinen Namen trägt“, die Lieder verfehlten in der engagierten Vortragsweise der elf Mitglieder der „Humorias“ ihre Wirkung nicht.

Seit der vergangenen Kampagne gibt es mit dem „Clautrio“ eine neue Gesangsformation, die allerdings von einem erfahrenen  HMV-Aktiven, nämlich Klaus Hahn, angeführt wird. Claudia Dimter und Claudia ries stimmten mit ihm „Hochstadt Helau“, „Der Vogelbeerbaum“ und als Zugabe „Schenk mi r dein Herz“ an. Da wurden viel Rhythmik und Freude am Gesang hörbar und so sprang auch der Funke auf die Narrenschar über.

Als „Die Frau von Zeus“ stellte sich Petra Arnhofer vor, die davon zu berichten wusste, dass die Jacob-Sisters Oliver Kahn verführt haben und dadurch Cindy aus Marzahn entstanden sei. Ihr Fett bekamen auch Lothar Matthäus („Er jagt sich die nächste Hauptschülerin“), die Schar der Politiker in Berlin und Maintal sowie „Jopie“ Heester ab. Aber im Endeffekt gilt für die Frau von Zeus: Ich schleuder ‘nen Blitz und alles wird gut.“

Immer wieder sorgt die Formation „Männergruppenstück“ bei den HMV-Sitzungen für Begeisterung. Man erinnere sich nur an die speziellen Maintaler Adaptionen von „Asterix“ oder „Ritter der Bembelrunde“. Diesmal zogen die blauen Schlümpfe in den Saal des Hochstädter Bürgerhauses ein. Sie sind in der Zwischenzeit in die „Grüne Mitte“ umgezogen. Und dort soll ja bekanntlich eine Sport- und Freizeitanlage entstehen. Die 18 Männer des HMV verfremdeten das große Maintaler Streitthema ein wenig, aber natürlich war sofort klar, dass mit Bauherr Ohrbach (treffend: Florian Benning), der mit überdimensionalen Ohren versehen war, niemand anderer als Bürgermeister Rohrbach gemeint ist. Das sorgte selbstredend für heftige Lachsalven. Um nun die Schlümpfe aus der „Grünen Mitte“ herauszubekommen, beauftragt Rohrbach, Verzeihung, natürlich Ohrbach, den berüchtigten Schlumpfjäger Gargamel (Denis Dimter). Dieser macht sich zusammen mit seinem Kater Assirael (René Kröller gab diesen – die Lachmuskeln strapazierend – proletenhaft) an die Aufgabe, die Schlümpfe zu fangen, um sie zu verspeisen. Das geht natürlich schief, denn Papa Schlumpf (Peter Heckert) und seine Freunde (Andreas Koffler, Dennis Götz, Fabian Dimter, Johannes Matthias, Philipp Sessner und Stefan Lohr) sind natürlich gewitzt genug, um ihrem Dauerfeind eins auszuwischen. Sie klonen einfach drei Schlümpfe, die radioaktiv verseucht sind, und Gargamel – nachdem er sie verspeist hat – in einen halben Schlumpf (Julien Klyn) verwandeln, mit dem Bauherr Ohrbach natürlich nichts zu tun haben will. Den Schlusssatz dieses witzigen und auch maintalkritischen Stücks kann man durchaus auf die Realität ummünzen, denn er lautet: „Bauherr Ohrbach wartet immer noch auf sein Stadion in der Grünen Mitte“:

Die Gruppe „No Limits“, trainiert von Susi Meyer und Christine Misiewicz, sorgte gleich für zwei tänzerische Höhepunkte. Zunächst bot die Formation eine traditionelle und sehr schwungvolle „Majorettes-Choreographie“ zum Queen-Hit „Don’t stop me now“. Die mitreißende Umsetzung des „Schuh des Manitu“ schloss dann den ersten Teil der Sitzung ab. Die elf jungen Damen, die gemeinsam mit einem Herren (Nils Paul) über die Bühne wirbelten, wurden dabei noch von dem autoritär blickenden Häuptling (Florian Benning) unterstützt. Fliegende Pfeile, biegsame Tänzerinnen und tolle Kostüme begeisterten den Saal. Farbenfroh was auch der Auftritt der „Golden Girls“, die das närrische Auditorium nach Spanien entführten. Die feurige Darbietung der acht Damen ließ Ferienstimmung und Sehnsucht nach wärmeren Gefilden aufkommen.

Zwei der „Golden Girls“, Monika Göpfert und Monika Heiser, gaben im zweiten Teil des Abends übrigens ihr Debüt in Sachen Wortbeitrag. Als „M&M’s“ diskutierten sie auf witzige und kurzweilige Art und Weise typische Frauenthemen wie Krampfadern, Gewichtsprobleme und das Ärgernis, älter zu werden. Ihre gelungene Premiere erhielt verdienten Applaus.

Zwei gelungene Debüts

Ein weiteres Debüt lieferte die Gruppe „Trullas“ ab, wobei das Quartett aus bewährten Aktiven de HMV besteht. Gisela Jeske begeisterte dabei als lispelnder Kasperle, während Pia Jost als mimisch umwerfende Gendarm und Räuber für sich einnahm. Katja Welsch war eine quirlige Großmutter, die in ihrer Postfiliale überfallen wird, dabei aber ruhig Blut bewahrt. Der Seppl von Silvia Koffler war dagegen überängstlich und musste immer wieder von Kasperle zur Seite genommen werden: „Jetzt bleib doch mal ganz ruhig.“ Am Schluss gab es dann die Auflösung, warum der Räuber unbedingt das Paket haben wollte. In diesem befand sich nämlich die neue Kappe des Sitzungspräsidenten Thorsten Heide. Der Räuber hoffte, dass wenn es diese stiehlt, Heide nicht wird auftreten können und dann der von ihm verehrte frühere Sitzungspräsident Wilfried Eibelshäuser sein Comeback feiern könnte. Soweit kam es dann zwar nicht, aber „Mister HMV“ fand zumindest als Pappkamerad seinen Weg zurück auf die Bühne. Der echte Eibelshäuser, der am Samstag natürlich im Saal war, dürfte über diesen Vortrag geschmunzelt haben.

Ein absoluter Aktivposten ist seit Jahren Johannes Matthias, der beim Männergruppenstück mitmacht, auch diesmal tänzerisch im Einsatz ist und diesmal als Tambourmajor die Guggemusiker der „Lärmbelustigung“ anführte, die im Grande Finale so richtig einheizten und den Saal zum Brodeln brachten mit ihren dezibelstarken Vorträgen sowie grandiosen Kostümen und Masken. Aber selbstverständlich war Matthias auch solistisch zu erleben, gab diesmal einen Hausmeister, den es aus Mannheim ins Hochstädter Bürgerhaus verschlagen hatte. Zudem ist er als Taxifahrer unterwegs, weiß entsprechend viel über das, was die Menschen so bewegt. Das neueste Gerücht ließ die Besucher sich vor Lachen die Bäuche halten: Ferdi Hesse wird als neuer Chef der Grünen bald Maintaler Bürgermeister!“ Hochstadt sei eben die reinste Gerüchteküche, wie der geübte Stimmenimitator, der zurzeit in Mannheim studiert, zu berichten wusste.

Zu den weiteren tänzerischen Höhepunkten zählten die Auftritte der Maxi-Majorettes und der Formation „Greenrhythm“, die jeweils durch ihre Kostüme und ihre schmissigen Choreographien für sich einnahmen. Die acht Mädchen zwischen zwölf und 16 Jahren der Maxi-Majorettes boten einen dynamischen Showtanz, der ideal zur Musik „Raindrops and Sunshine“ passte. Petticoats und quirlige Tänzerinnen waren beim „Abend im Diner“ der „Greenrhythm“ Trumpf. Dabei ging es tatsächlich ausgesprochen rhythmisch und fetzig zu, erlebte der Rock’n’Roll eine gelungene und mitreißende Wiederbelebung.

Das Männerballett, das von Luis Cercas trainiert wird, entführte die Narrenschar in die „Eiszeit“. Pinguine, Eisbären und Eskimos bevölkerten die Bühne, die biegsamen Männer boten eine ausgesprochen anspruchsvolle Choreographier, die man so nicht alle Tage von einem Männerballett präsentiert bekommt. Die Begeisterung des Publikums war den 13 stattlichen Männern sicher.

Bleibt nun noch ein ganz außergewöhnlicher Beitrag, bei dem zwei überdimensionale Kinderwagen den Weg auf die Bühne fanden. Darin saßen zwei Hochstädter Babys, die allen Eltern einmal verdeutlichten, was ihr Nachwuchs wohl so über sie denkt. Frank Walzer und Colin Stein sorgte zweifellos auf ihre gewohnt pointierte Art für den Höhepunkt des Abend. Sie sparten nicht mit satirischen Seitenhieben auf das Maintaler Lokalgeschehen. Die beiden Humoristen zogen sowohl den Stadtleitbild-Prozess („Auch wenn nix Neues dabei raus kommt, ist er gut verpackt“) als auch die Maintaler Politikerschar durch den Kakao. So entpuppe sich die junge Garde der Heber (CDU), Maier (SPD) und Co. „als zahnlos wie wir“ und gelenkt von den altvorderen. Getreu dem Motto: „Die Aale hawwe sonst nix!“. Mimik und Gestik muss man live erlebt haben, um zu ermessen, was diese beiden jungen Bühnenprofis mit ihrem einmaligen Vortrag in den HMV-Bau gebracht haben.

Die Mischung aus Tänzen, Wortbeiträgen und Stimmungsliedern passte. Viele der begeisterten Besucher blieben dann auch nach Ende der Sitzung und feierten in der Sektbar.

 Text von Lars-Erik Gerth --- Fotos von Kalle