Fastnachtssitzung 2010:

 Lispelnde Schlange sorgt für Lachsalven
Humoristen bringen am Samstagabend den Saal im Hochstädter Bürgerhaus zum Kochen

Während sich in den Straßen vor dem Bürgerhaus Hochstadt der Schnee türmte, schunkelten, klatschten und sangen am Samstagabend die Gäste im voll besetzten Saal erfolgreich gegen die kalte Jahreszeit an. Dank des abwechslungsreichen fünfstündigen Programms bei der ersten Sitzung des Humor-Musik-Vereins „Edelweiß“, war bei den Zuschauern von „Winter-Blues“ nichts zu spüren. Vor allem mit ihren genialen Wortbeiträgen konnten die Humoristen wieder punkten. Dabei stachen erneut die Darbietungen der jungen Aktiven hervor. Beim HMV ist der Generationswechsel eindeutig geglückt. Sitzungspräsident Thorsten Heide führte an dem Abend durch ein Potpourri an Witz, tollen Choreographien und mitreißender Musik. Trotz der Verjüngung in den vergangenen Jahren bleiben die Humoristen ihren Traditionen treu. Und obwohl sich „Mister HMV“, Wilfried Eibelshäuser, nach 50 Jahren in der vergangenen Kampagne in den närrischen Ruhestand zurückgezogen hatte, durfte das Lied „Heut' ist Karneval im Bürgerhaus in Hochstadt“ auch diesmal nicht fehlen. Eibelshäusers Gesangspartner der „Eibelinos“, Klaus Hahn, stimmte die HMV-Hymne zu Beginn der Sitzung an. Im zweiten Teil des Abends trat er erneut mit Verstärkung auf die Bühne. Gemeinsam mit Claudia Dimter und Claudia Ries debütierte Urgestein Klaus Hahn als Gesangstrio. Wegen ihrer gleich klingenden Vornamen werden sie HMV-intern auch als „Clautrio“ bezeichnet. Mit „Ab geht die Luzie“ wussten sie ihr Publikum von den Stühlen zu reißen. Ihr Vortrags-Debüt feierten auch Samantha „Sammy“ Klyn und Nina Reich bei den „Großen“. Die beiden Freundinnen waren bis jetzt bei den Kindersitzungen aktiv und wagten sich im ersten Wortbeitrag des Abends an das Thema „Fastnachts-TÜV“.Als strenge Prüferin forderte Sammy Klyn das Publikum zu „stupid-rhythmischer Rechts-Links-Gesäßdehnung“ auf. Nina übersetzte für die konsternierten Zuschauer: „Sie meint schunkele.“ Diese machten begeistert mit, sodass Thorsten Heide letztlich doch noch die grüne Plakette vom „Fastnachts-TÜV“ erhielt.

Zu dem ersten Höhepunkt des Abends gehörte sicherlich der Auftritt von Colin Stein. Als Briefkasten plauderte er das eine oder andere Maintaler Geheimnis aus. „Ich bin das Ding mit einem Schlitz“ ließ er die Besucher im Saal wissen, klagte über „Misshandlungen“ durch Silvester-Böller und Männer mit Blasenproblemen. Doch der gelbe Kasten mit spitzer Zunge kannte auch viele Interna, liest er doch die bei ihm eingeworfenen Briefe. Einer trug als Absender den Tagesanzeiger-Sportredakteur Eberhard Dunkel. Darin schlage dieser eine Maintaler Fußball-Spielvereinigung unter dem Namen FC Maintal vor. „Derngemer Diva und Wachenbücher Holzer, das geht nicht zusammen“, befand der Briefkasten alias Colin Stein. Was fürs Auge boten wieder die Majorettes – mit und ohne Batons. Mit einem Gemeinschaftstanz wurde der Reigen der Tanzdarbietungen der insgesamt rund 50 Majorettes eröffnet. Auch hier gab es in diesem Jahr einen Generationswechsel. Die großen Majorettes machten Platz für den Nachwuchs und gründeten die Showtänzen auf der Bühne zu sehen – einem anzgruppe „GreenRhythm“. Ihren Platz nehmen nun die „No Limits“ ein. Dementsprechend waren sie mit zwei TTwirling- und einem Showtanz. Beeindruckend bei den „No Limits“ war besonders der Showtanz nach der Pause unter dem Titel „Afterwork – Women at work“. Als Schattenspiel hinter einer Leinwand beginnend entpuppten sich die Mechanikerinnen im Blaumann als sexy Tänzerinnen. Auch der Neubeginn als Gruppe „GreenRhythm“ fand großen Applaus. Die Tänzerinnen verbanden ihre Choreographien mit fesselnden Geschichten. Mit „Puppets on a string“ ließen sie im wahrsten Sinne des Puppen tanzen. Die Maxi-Majorettes bezauberten in „Hightown Wortes die Fairytales“ als Elfen und Schmetterlinge im Hochstädter Märchenwald. Die „Golden Girls“ legten eine heiße Sohle aufs Parkett. „TNT“ hieß die explosive Mischung aus Hard Rock, starken Frauen und bengalischem Feuer. An dieser Stelle ein großes Kompliment an die Nähfrauen, die unglaublich kreative und wunderschöne Kostüme geschneidert hatten.

Für die passende Umrahmung mit urtypischen, teilweise umgedichteten, Kölner Karnevalshits sorgte als „Stimmungsmacher“ Herbert Oestreich. Nur wenige Takte brauchte der erfahrene Unterhalter, und schon sang der ganze Saal „Viva Colonia“. Sein Gesangstalent stellt Oestreich auch in der Gruppe „Humorias“ zur Verfügung, die erneut mit zwei Beiträgen zu dem gelungenen Abend beitrug. In der ersten Halbzeit stand dieser unter dem Motto „Amerika“. Die Philosophie der Gruppe lautet: „Musik ist für alle da. Jeder, der sie richtig hören kann, kann sie auch singen.“ Dass der Spaß im Vordergrund steht kam auch im Publikum an. Bei „Born in the USA“ und „Hotel California“ wippten viele mit. Während ihres zweiten Auftritts ließ die Gruppe unter Anleitung von Trainerin Isabella Isabella einSchlager-Medley erklingen. Von „Ein Bett im Kornfeld“ bis zu „Ein bisschen Spaß muss sein“ animierten die elf Mitglieder zum Mitsingen und Grölen.

Als Vortrags-Duo sind Pia Jost und Silvia Koffler einsame Spitze. Als „Die Eine und die Andere“ suchen die notorischen Singles immer noch nach „Mr. Right“, Gesang ist das Hauptelement ihres Vortrags. Diesmal ließen sie sich auf das Abenteuer „Speeddating“ ein. Doch sie hatten wieder mal kein Glück. „Der war ja eine Mischung aus Urknall und Apokalypse, er wollte ein Heimchen am Herd“, berichtete Pia Jost entsetzt. Sie beiden Frauen beschließen: Das Geld fürs „Speeddating“ lässt sich sparen. Sie wollen sich lieber an der Sektbar einen geeigneten Kandidaten gegenseitig aussuchen – zustimmendes Gemurmel bei den männlichen Besuchern im Saal. Zum dritten Mal als „Straßenmusikant“ unterwegs war Frank Walzer, der sowohl das lokale Geschehen als auch globale Entwicklungen mit Hilfe seiner Gitarre auf die Schippe nahm. Einerseits US-Präsident und Friedensnobelpreisträger Barack Obama als auch Angela Merkel und Guido Westerwelle kriegten ihr Fett weg. Mit seinen politischen Beiträgen wie zu den geplanten Steuersenkungen der FDP könnte Frank Walzer als Kabarettist durchaus auch bundesweit auftreten. Doch auch in seiner Heimatstadt legte der „Straßenmusikant“ mit seinen umgedichteten Songs die Finger in die Wunden. Diesmal zog er den Stadtleitbildprozess durch den Kakao. Er ließ einfach seine Zuschauer über eine Politikrichtung abstimmen. „So einfach kann Demokratie sein und es hat noch nicht einmal was gekostet“, scherzte Frank Walzer. Ein weiteres großes Talent der Humoristen ist Johannes Matthias. Der Imitationskünstler schlüpfte wieder in verschiedene Rollen und beleuchtete den „wahren Kern“ von Klischees und Vorurteilen. Etwa von schwulen Flugbegleitern, Holländern, Indern oder Italienern. „Was passiert, wenn die Holländer tatsächlich die Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen“, fragte er. „Sie schalten die Playstation aus und gehen schlafen.“ Seine „Tour de Klischee“ machte beim Zusehen viel Spaß.

Ein absoluter Hit des närrischen Programms war das Männergruppenstück mit einer Neuinterpretation des „Dschungelbuchs“. Der Menschenjunge Mowgli (Colin Stein) ist zwar ein absoluter „Nullchecker“, aber in seiner Beliebtheit macht er dem Tiger Shir Khan (Denis Dimter) Konkurrenz. Zum Glück hat Mowgli gute Freunde, wie den pazifistisch eingestellten Panther Baghira (Dennis Götz) und den für Bärenmarke werbenden Balou (Stefan Lohr), die ihn beschützen. Die lispelnde Schlange Kaa (Johannes Matthias) läuft schließlich über und verrät, wovor Shir Khan wirklich Angst hat – seinem Zahnarzt. Kaa ist sauer, denn ihr Chef hat ihr Viagra ins Müsli geschüttet, seitdem leidet sie unter einer Versteifung. Die Charaktere sind einmalig herausgearbeitet worden. Gerade bei den Auftritten der lispelnden Schlange Kaa mussten sich die Zuschauer vor Lachen die Bäuche halten. Die Männer waren diesmal einfach sehr stark, dazu gehörte auch der Auftritt des Männerballetts. Sie ließen sich von dem Kinohit „Wickie und die Wikinger“ inspirieren und kamen in diesem Jahr nicht in Frauenkleidung, sondern als wilde Kerle in den Saal. Das einzige Maintaler Männerballett ohne weibliche Trainerin wurde in diesem Jahr von Luis Cercas geleitet. Zu modernen Tönen lieferten sie eine überzeugende Performance ab. Unglaublich, welche Mühe sich die 13 Mitglieder bei der Ausstattung gemacht hatten. Für den Einmarsch bastelten sie ein „echtes“ Wikingerboot mit Drachenkopf.

Für den weiblichen Humor steht seit Jahrzehnten Petra Arnhofer. Als „Kaiserin von China“ ließ sie sich auf einer Sänfte auf die Bühne tragen. „Ein Ticket bei der Deutschen Bahn ist selbst für jemanden wie mich unerschwinglich“, betonte sie. In ihrem pointierten Vortrag wetterte sie über die Manie, für alles die Schuld den Chinesen in die Schuhe zu schieben. Für den dezibelstarken Abschluss des Programms sorgte wieder die „Hochstädter Lärmbelustigung“. In Aufsehen erregenden Kostümen heizten die 35 „Lärmer“ mit ihrer Guggemusik dem Saal kurz vor 1 Uhr noch einmal richtig ein. Die Gruppe ist mittlerweile weit über Hochstadt hinaus bekannt und von Mitte Januar jedes Wochenende bis Aschermittwoch unterwegs. Die Hochstädter Fans ließen sich die Chance natürlich nicht nehmen und erbaten sich drei Zugaben, die gerne gewährt wurden. Im Anschluss öffnete die Sektbar und Besucher, die den Weg in die Kälte noch scheuten, konnten sich von der HMV-Band „Just for fun“ auf „Betriebstemperatur“ bringen lassen.

 Text von Mirjam Fritzsche - Bilder von Kalle Meyer